Moment mal - Meiling

Du bist ein Gott, der mich sieht

Das biblische Leitwort für das eben angebrochene Jahr 2023 stammt aus dem Ersten Buch Mose. Aus dem Mund der Leibsklavin Hagar, einer Frau mit Migrationshintergrund, die von Abraham in die Wüste geschickt wurde. Weil sie ein Kind von ihm bekommt und sich deshalb mit Abrahams erster Frau Sara gestritten hat. Und anstatt da jetzt mal lösungsorientiert miteinander ins Gespräch zu gehen, schmeißt Abraham die Hagar einfach raus. Niedergeschlagen und hochschwanger sitzt sie nun in der Wüste an einer Wasserquelle, als der Engel Gottes zu ihr tritt: „Wo kommst du her und wo willst du hin?“

Welch eine Frage zu Beginn des neuen Jahres: Wo kommen wir her und wo wollen wir hin?

hier ist Platz zum Nachdenken

Der Engel schickt sie zurück in die Situation, gestärkt mit der Verheißung, ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie ob der großen Menge nicht gezählt werden können. Und Hagar nannte den Namen des Gottes, der mit ihr sprach: Du bist ein Gott der mich sieht.

Du Gott, schaust nicht weg, schaust mich an. Selbst, oder gerade auch dann, wenn es mir nicht gut geht. Wenn ich mir selbst nicht gefalle. Wenn ich unzufrieden bin mit meinem kleinen, ach so unperfekten Leben. Du schaust mich an, findest stärkende Worte und richtest mich auf. Flieh nicht weiter in die Wüstenei, geh zurück an den Ort deines Lebens. Da wird nicht alles gut sein, aber ich werde bei dir sein und dich behüten und für dich wird da ein Weg sein.

Und Hagar geht zurück zu Abraham und Sarah und Hagar bekommt einen Sohn und nennt ihn Ismael. Und ein paar Kapitel weiter wird auch Sarah ein Kind bekommen. Einen Sohn natürlich. Ende gut, alles gut. Gott hält seine Verheißungen. Aber wir müssen schon darauf hören, was Gott von uns erwartet.

Die Bibelverse der Jahreslosungen werden schon Jahre vorher festgelegt und sind nicht in eine konkrete Situation hinein ausgewählt. Umso treffender empfinde ich diesen Bibelvers in unser angebrochenes Jahr hinein. Da wird es darum gehen, nicht wegzusehen, sondern auch das anzusehen, was uns Schmerzen bereitet. Denn nur wenn wir weiter hinsehen, den Dingen auf den Grund gehen, scharf stellen und nach der Wahrheit fragen, werden wir den guten Weg gehen und Lösungen finden. Das gilt für den fortwährenden Krieg ebenso wie für die voranschreitende Klimakrise, aber auch für die Bedrohung unserer demokratischen Ordnung durch radikale Kräfte.

Dabei brauchen wir nicht perfekt zu sein. Gottes neue Welt braucht vor allem die Mängelexemplare, die das Leben kennen und eben deshalb voller guten Willens sind.

Ein gutes und gesegnetes Jahr 2023 wünscht Ihnen
Ihr Volker Meiling

(c) Stephanie Bahlinger / Verlag am Birnbach